Beiträge von Dara'Jan von Tron'Jenar

    Dara'Jan war bedauerlicherweise noch nicht ganz so weit wie ihre vorausschauenden Verwandten. Auch wenn Weihnachten in dieser Woche vor der Tür stand hatte sie es bisher nicht wirklich geschafft, sich um einen Baum zu kümmern. Aber da sie sich bereits vor einigen Wochen mit Adina darauf geeinigt hatte, dass sie das Weihnachtsfest auch miteinander, mit Khaliesi und einigen von Adinas Freunden und deren Kindern feiern wollten - neben dem Fest mit der Familie auf der Feste - musste sie endlich in die Gänge kommen, wenn alles in der Zuflucht vorbereitet sein sollte. Und so nutzte sie den heutigen 4. Advent, um auf die Jagd zu gehen. Auf die Jagd nach einem Baum, den sie für die Zuflucht schlagen konnte.

    Summend machte sie sich also am frühen Morgen auf den Weg ins Dorf, gekleidet für den Wald, ihre Ausrüstung lässig über die Schulter tragend. Als sie die ersten Häuser erreichte hob sie grüßend die Hand und winkte manchem Ansässigen durch Fensterscheiben lebhaft zu, blieb gar stehen für das ein oder andere kurze Schwätzchen, wenn jemand das Fenster öffnete, um sie zu begrüßen. So schlängelte sie sich durch manch enges Gässchen bis sie schließlich bei einem der Häuser stehen blieb und an diesem hinauf sah. Spontan steckte sie sich zwei Finger in den Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus. Dann lehnte sie sich grinsend an die gegenüberliegende Fassade an und wartete, den Blick zu einem der Fenster angehoben.

    "Wenn du keine Tron'Jenar wärst, hätte dir die Nachbarschaft für den Krach am frühen Morgen schon einen Pisspott über dem Kopf ausgekippt!", ertönte nach einem Moment eine amüsierte, dunkle Stimme, nachdem eben jenes Fenster mit einem kräftigen Schwung geöffnet worden war. Ein junger Krieger lehnte sich heraus, die Arme locker auf dem Sims abgelegt, ein dreistes Grinsen auf den markanten Zügen. Dara grinste zurück. "Tja... ich weiß meine Karten immer auszuspielen", erwiderte sie. "Außerdem liebt mich das Dorf!" - "Oh, die Liebe dieser Gemeinschaft kippt schnell, wenn du sie ärgerst. Man sollte meinen, du wüsstest das inzwischen, Prinzessin", bekam sie prompt zur Antwort. Sie zuckte die Achseln. "Vielleicht bei dir, Rash... ich bin viel liebeswerter als du." Der Krieger lachte auf. "Das bist du wohl. Was geht ab?" Dara'Jan hob das Beil an, das sie bei sich trug. "Ich will in den Wald gehen, um einen Nadelbaum zu schlagen. Kommst du mit und hilfst mir? Den allein zu transportieren ist mir zu müßig." Rash hob die Brauen. "Wofür brauchst du einen Nadelbaum?" Dara winkte ab. "Für das Weihnachtsfest. Ist ein Fest, das manche Menschen feiern, je nachdem, welchem Glauben oder welcher Tradition sie folgen. Tante Nina feiert es zum Beispiel und ich auch. Adina mag es dieses Jahr auch mal versuchen... also brauche ich einen Baum für die Zuflucht." Rash zog die Brauen zusammen, was die Stirnwulste noch tiefer erscheinen ließ. "Aber... warum? Was macht man damit? Macht ihr ein großes Feuer mit Nadelholz bei diesem Fest?" Dara lachte leise. "Gute Idee, wenn Reste übrig bleiben... aber... nein, eigentlich wird er geschmückt mit allerlei hübschem Tand. Und mit einzelnen Zweigen kann man andere Dekoration binden. Frag mich nicht, wie es angefangen hat... ich glaube, es sollte ursprünglich ein Symbol für das Leben sein, weil das Fest im Winter gefeiert wird." Rash brummte. "Verrückt. Lu. In Ordnung. Ich komm runter." Und damit schlug das Fenster zu und es dauerte nur ein paar Minuten bis er unten auf der Straße zu Dara stieß und sie sich auf den Weg machen konnten.


    Drei Stunden später standen die beiden schwer atmend vor dem Baum, den sie im Schweiße ihres Angesichts gefällt hatten. "Er ist ein Prachtstück!", freute sich Dara, während Rash ihr zustimmend auf die Schulter klopfte. "Ganz schöner Aufwand, um ihn mit Lichtlein und Tand zu behängen", resümierte er. "Ihr Menschen seid komisch." Dara drehte sich latent empört zu ihm um, noch immer außer Atem. "Hey! Ich bin nur ein halber Mensch! Sag das meiner Mutter und sie hackt dir dein bestes Stück ab!" Rash schnaubte. "Und wenn schon... deine Frau darf es mir gerne wieder annähen", gab er süffisant zurück. Der jungen Frau blieb der Mund offen stehen. Sie starrte ihn einen Moment an, auf der Suche nach einer guten Erwiderung und wirkte dabei ein wenig wie ein Fisch auf dem Trockenen, da sie den Mund bewegte ohne das Laute herauskamen. Rash lachte dunkel auf. "Was denn? Sie ist heiß." Dara gab einen empörten Laut von sich und haute ihm gegen die Schulter. "Ich weiß! Und sie ist meine! Außerdem... mach nur so weiter, dann näht sie ihn wieder an, um ihn einzufrieren und wieder abzubrechen!", konterte sie endlich lachend. Rash verzog das Gesicht. "Das kann sie? Du hast eine verrückte Familie..." Dara brummte zustimmend. "Ein bisschen, lu. Ziemlich vielfältige Bande. Fremde brauchen einen Guide, um durch die Persönlichkeiten und Kulturen zu navigieren." Nun war es Rash, der auflachte. "Wäre eine Geschäftsidee. Und jetzt komm... schleppen wir deine Beute nach Hause zu deiner schönen Frau." Dara warf ihm einen resignierten Seitenblick zu, widersprach jedoch nicht. Warum sollte sie auch? Im Grunde genommen schmeichelte es ihr enorm, wenn Freunde solche Dinge über Adina sagten. Sie wusste, dass er scherzte. Er würde es sich niemals herausnehmen, Adina auf diese Art zu behelligen. Das hier war nicht mehr als freundschaftliche Kabbelei. Und etwas rau formulierte Komplimente, die Dara problemlos zu deuten und zu nehmen wusste. Sie war immerhin unter den Klingonen aufgewachsen. Und so half sie Rash, den Baum zu schultern, während sie sämtliche Ausrüstung einpackte und sich auflud. So hatte sie immer noch eine Hand frei, um ihm zu helfen, falls der Baum irgendwo hängen blieb. Plaudernd traten sie dann den Rückweg zur Zuflucht an.

    Dara'Jan schaute eifrig aus dem Fenster des Raumschiffes ihrer Kusine Ssihanna. Nach nun mehr fast vier Monaten, die sie in Japan unterwegs gewesen waren, kehrte die Gruppe nach Hause zurück. Oder vielmehr... sie und Adina. Denn die Gruppe hatte sich ein wenig aufgelöst. Asuka war in Japan verblieben und würde dort ihren Saigoku, ihren Pilgerweg, zu Ende gehen. Khi'LeisaH hatte sie quasi gleich zu Beginn der Reise schon verlassen und war zu ihrem Freund Ashitaka nach Kanada verschwunden, wo sie eine Rundreise gemacht hatten, soweit Dara informiert war. Himiko hatte sich auch bereits vor einigen Tagen in Japan von ihnen verabschiedet und war, auf Einladung ihres Bruders - eben jenes Ashitakas - nach New York geflogen, um ihn und Khi'LeisaH dort aus irgendwelchen musikalischen Gründen zu treffen. Sie alle würden im Laufe der nächsten Tage ebenso auf Tron'Jenar eintreffen, aber für den Moment waren nur noch sie und Adina übrig geblieben. Na gut, Sadako auch. Aber das zählte nur so halb, denn sie musste ohnehin hier sein und hatte an der Rundreise weniger als Cliquen-Mitglied als vielmehr als Ssihannas Leibwache teilgenommen. Nicht, dass Dara ihr darum böse wäre. Natürlich nicht. Es war ihre Aufgabe und sie erfüllte sie gut. Und dann war da natürlich noch Isleen, die gleichfalls wieder mit ihnen zurück reiste und bei der Dara sich nicht ganz sicher war, warum sie überhaupt dabei gewesen war. Sie war ein recht undurchsichtiger Charakter und Dara wehte wenig Wärme an, wenn sie versuchte, näher mit ihr ins Gespräch zu kommen. Allerdings schien sich Adina gut mit ihr zu verstehen und ein Händchen dafür zu haben, sie aus der Reserve zu locken und das reichte Dara im Grunde genommen auch. Isleen tat sich offenbar sehr schwer damit, sich Anderen gegenüber zu öffnen und wenn sie in Adina jemanden gefunden hatte, der sie sich vertrauter fühlte, da sie aus derselben Spezies stammten, dann sollte es Dara recht sein.

    Ebenso störte sie sich nicht daran, dass die Anderen ihre eigenen Wege gegangen waren. Das war unvermeidlich und Dara hatte mit Adinas Gegenwart und dem Versprechen in der Luft, dass sie bald wieder zu Hause ankommen würde, alles, was sie benötigte, um sich. Doch nun, wo sich der latente Schleier der Sehnsucht nach Tron'Jenar, der sie immer wieder durch Japan begleitet hatte, löste und sie entspannt auf alles zurückschauen konnte, was sie gesehen und erlebt hatten, war sie doch froh, dass sie diese Reise unternommen hatte. Aus vielen, vielen Gründen. Und was sie alles gesehen hatten!


    Alles hatte mit der Geburt der Drillinge in Kansai begonnen und es war noch Winter gewesen, als sie in Japan angekommen waren. Dara erinnerte sich lebhaft zurück an das Schnee-Festival, die Eisskulpturen und das Schlittenfahren in Sapporo, die Kunstausstellung dort und an das verschlafene Winterstädtchen Otaru, das sie mit Adina zusammen bereist und in dem sie all jene Lichter im Schnee, Glasfiguren und Spieluhren gesehen hatten. Sie war nicht mit Schneefall aufgewachsen, da das Klima auf Auriga II gleichmäßig war und keine Jahreszeiten in diesem Maße aufwies, weswegen all das ein ganz besonderes Erlebnis gewesen war.

    Und, oh, wie hatten Adinas Augen gestrahlt ob all dem. Ob sie eines der Neugeborenen hatte halten oder Schlitten hatte fahren dürfen. Ob sie einen schönen Kimono getragen oder die Lichter im Schnee angeschaut hatte. Ob sie frischen Macha-Kuchen oder warmen Sake zu sich genommen hatte - es war ganz gleich gewesen. Adina hatte die Eindrücke dieses Landes in sich aufgesogen wie eine Blume das Sonnenlicht. Besonders aber die Zeugung ihres gemeinsamen Kindes recht bald nach der Geburt der Drillinge war wohl von allem das größte und schönste Ereignis für sie gewesen und Dara wusste, dass allein das sie beide für immer ein wenig an Japan binden würde. Immerhin hatte Adina die ersten zwei Drittel der Schwangerschaft, die bei Fhoi Myhore-Frauen nur sechs Monate dauerte, in diesem Land verbracht und fast jeden Moment davon genossen. Und was für eine stolze werdende Mutter sie war! Dara musste lächeln, als sie daran dachte.

    Sie wusste, dass Adina traurig war, Japan zu verlassen und nach Tron'Jenar zurück zu kehren, was Daras eigene Freude über das Heimkommen ein klein wenig dämpfte. Sie konnte es nicht gut ertragen, wenn ihre Dina traurig war. Ein wenig absurd, bedachte man, dass diese von der Welt der Traurigkeit abstammte und man davon ausgehen könnte, dass Dara daran gewöhnt sei. Aber das hier war etwas anderes. Adina hatte mehr als einmal kundgetan, dass sie ihr Herz an Japan verloren hatte, dass ein Teil von ihr zurückbleiben würde und es tat Dara leid, sie aus ihrer Freude reißen zu müssen. Und doch verspürte sie den tiefen Drang danach, nach Hause zu kommen. Zumindest für eine Weile. Sie wünschte sich, dass ihre Tochter auf Tron'Jenar zur Welt kommen würde. Und dann, wenn sie ein wenig älter war, würde Dara mit ihnen beiden zusammen gerne noch einmal nach Japan zurückkehren. Aber für den Moment konnte sie nur hoffen, dass Adinas Melancholie verfliegen würde, wenn sie erst auf Tron'Jenar angekommen waren.


    Und sie selbst? Hatte auch sie einen Teil ihres Herzens an Japan verloren? Das war eine schwere Frage. Dara wusste, dass es nie einen anderen Ort im Universum geben würde, der Tron'Jenar gleichkäme. Nie ein zweites Zuhause in diesem Sinne. Da'Dana'Han war der einzig andere Ort, an dem sie zumindest nie unter Heimweh gelitten hatte. Terra als Ganzes und Japan im Speziellen konnten also auch Da'Dana'Han in diesem Sinne nicht das Wasser reichen und die Kultur des Landes, seine eigene Optik in Architektur, Kleidung, Anstandsregeln, seine Kost und alles, was es so einzigartig machte, bezauberten Dara nicht in dem Maße, wie es bei so vielen um sie herum der Fall war. Es hatte ihr gefallen und sie hatte viele, wunderschöne Dinge gesehen. Besonders das Zeltlager, das kleine Dorf und der See am Fuji sowie der Flug über den Gipfel des majestätischen Berges mit den Gleitschirmen und Adinas spezieller Windkunst waren herrliche Erlebnisse gewesen. Aber es lag doch einiges zwischen einer gelungenen Reise und dem Gefühl, sein Herz an einen Ort zu verlieren.

    Allerdings hatte sie einen Teil ihrer Wurzeln gefunden. Sie hatte schon vor der Reise gewusst, dass ihr Vater lange Zeit in Japan gelebt hatte und dort als der Weiße Schmied bekannt gewesen war. Aufgrund seiner langen, weißen Haare, wie Dara annahm. Und so hatte sie in kleinen Ausflügen Orte besucht, die Spuren ihres Vaters getragen hatten. Die Oura-Kirche in Nagasaki, in die Sadako sie gebracht hatte und in der ihr ein Priester von seinen Begegnungen mit einem reuigen, alten Henry erzählt und ihr das Altarkreuz gezeigt hatte, dass dessen Händen und Kunstfertigkeit entsprungen war. Der Aokigahara, der Wald voller Geister, in dem er früher gewandelt war und den sie mit den Anderen zusammen besucht hatte. Und schließlich die Schmiede selbst, in der er gelebt und gearbeitet hatte und die heute eine Art Denkmal war. Freundlicherweise hatte man sie und Adina dennoch einen Tag und eine Nacht darin verbringen und sie alles anschauen lassen. Sogar Geschenke hatten die liebe Ssihanna und süße Adina dort für sie besorgt und sie war nun die stolze Besitzerin zweier Ambosse und diverser Hämmer, mit denen Henry einst gearbeitet hatte. Daras Entschluss, sich von Sadakos Vater in der Schmiedekunst unterweisen zu lassen, hatte sich mit diesem Besuch und den Geschenken nur noch mehr verfestigt und sie hatte beschlossen, gleich nach ihrer Kriegerweihe damit zu beginnen, sollte Meister Ikematsu zustimmen.


    Und so... ja. Auch Dara hatte einen Teil von sich in Japan entdeckt. Als Tochter und baldige Mutter. Als Partnerin einer Frau, die gerade selber viele Veränderungen durchlief und der sie auf neue Art zur Seite zu stehen gelernt hatte. Die Kindertage neigten sich rapide dem Ende zu und Dara hatte in den letzten vier Monaten einen Eindruck bekommen, was Erwachsensein bedeuten würde. Ehe, Kind, Kriegerweihe und Berufsausbildung waren allesamt in greifbare Nähe gekommen und auch Eltern waren nur Menschen, die versuchten, ihr Bestes zu geben. Keine Götter. Wenn der lange Weg ihres Vaters sie eines lehren konnte, dann sicher das. Und auch sie würde nur ihr Bestes tun können mit ihrer eigenen Tochter. Von Tag zu Tag. Es beruhigte sie, das zu wissen. Denn noch immer kam sie sich schrecklich jung und unvorbereitet vor für die Verantwortung für ein kleines Leben. Aber sie und Adina würden ihr Bestes geben und sie hatte eine fantastische Familie, die sie beide nicht allein lassen würde.

    Und während sie diesen Gedanken noch hatte, drang die Meldung des Computers zu ihr durch, dass sie Auriga II in 15 Minuten erreichen würden. Aufgeregt sprang sie auf und machte sich auf die Suche nach Adina, um zu sehen, ob sie bereit war. Bald würde sie zu Hause sein und alle wiedersehen... und sie konnte es kaum noch erwarten!

    "Ah, die allgemeine 'Wir-haben-viel-vor-heute' oder auch die 'Wir-müssen-weiter-reiten-zum-nächsten-Ort'-Stimmung. Ausschlafen tun wir eher selten. Aber ehrlich, Tante Nina... Ssihanna hat den Urlaub hier geplant. Konnte man irgendwas anderes erwarten? Und sie macht die Reise hier mit drei Babys und einem Kleinkind mit... ich darf also so gar nicht jammern", lachte sie. "Außerdem ist Adina eine Frühaufsteherin und ich... naja... ich schlafe nicht so gut alleine im Bett", gab sie zu, lächelte und warf ihr einen halb verlegenen und halb charmanten Blick zu, wissend, dass es in der Familie allgemein bekannt war, dass Dara nicht allzu gerne alleine schlief. Schon als Kind und etwa bis sie zwölf Jahre alt gewesen war, hatte sie am liebsten bei ihrer Mutter oder ab und an auch bei anderen Familienmitgliedern oder Freunden geschlafen, aber selten alleine in ihrem Zimmer.


    Als Arju'Tai und Hikaru die Bühne betraten und der Krach losging, verzog Dara im ersten Moment das Gesicht, lachte aber vergnügt in sich hinein, als ihre Tante sie auf so typische Art und Weise zum Schweigen brachte. Das Brüllen machte ihr nichts aus, gab ihr sogar eher das wohlige Gefühl von Heimat. In einem Klingonenhaus wurde eben selten geflüstert oder mit Samthandschühchen um sich geworfen. Und dieses Lachen wurde zu einem Kichern, als der kleine Mann ans Terminal rannte und zuerst seine Hoffnung auf seine 'Dadina' kundtat. Dara wusste sehr wohl, wie gern er Adina hatte. Tatsächlich war ihr kleiner Cousin die einzige Konkurrenz um Adinas Herz, die sie zu akzeptieren gewillt war.

    "Oooooh...", gab sie gerührt von sich, als Arju'Tai den Bildschirm abküsste. Darauf verzichtete sie zwar, aber als er wieder hinguckte, spitzte sie die Lippen und gab ihm ein paar gut sicht- und hörbare Luftküsse. "Hey, Schätzchen!", rief sie ihm lebhaft zu und winkte zusätzlich. "Alles, alles Liebe und alles Gute zum Geburtstag! Kahless soll dir ganz viel Kraft und Stärke geben im kommenden Jahr, damit du ein mächtiger Krieger wirst!", wünschte sie. Innerlich fügte sie hinzu, dass sie ihm einen froheren Geburtstag wünscht, als sie ihn hatte. Die Bastarde des Empires hatten Tron'Jenar in der Nacht ihres 15. Geburtstages angegriffen, was bedeutet, dass dieser Tag nun für immer eine sehr, sehr bittersüße Doppelbedeutung haben würde. Aber sie hatte schon seit längerem beschlossen, ihren Frieden damit zu machen, indem sie es nicht als die Nacht ansehen würde, in der Tron'Jenar beinahe ausgelöscht worden wäre. Nein, sie würde es als die Nacht ansehen, in der Tron'Jenar überlebt hatte. In der sie überlebt hatte.

    Sie schob diesen Gedanken allerdings schnell beiseite und sah Arju'Tai neugierig an, als er ihr erzählte, was er vor hatte. "Oooooh, toll!" Sie bekam große Augen. "Das ist so schön! Ich würde auch gerne schwimmen gehen!", rief sie und ihre Begeisterung war nicht geheuchelt. Tatsächlich hätte sie Spaß daran. "Wenn wir wieder da sind, dann gehen wir zusammen in den Pool in der Zuflucht, ja? Dadinas Pool? Den kennst du doch? Denn heute können wir leider nicht mitkommen, Schätzchen... wir sind doch immer noch auf Terra, weißt du? Wir brauchen mindestens einen Tag mit dem Raumschiff bis wir wieder auf Auriga sind und wir haben hier auch noch nicht alles gesehen, was Ssihanna und Isamu uns gerne zeigen möchten. Wir sind also noch ein Weilchen weg..."

    Sie sah, wie der kleine Mann enttäuscht die Unterlippe vorschob und spontan tat es ihr leid, ihn so zu sehen. Ein kleiner Stich Heimweh durchfuhr sie. "Oh, sei nicht traurig... du hast doch Hikaru bei dir! Und ich sag dir was. Dadina..." Selbst sie hatte sich diesen Spitznamen in Arju'Tais Gegenwart langsam angewöhnt. "... ruft dich später, wenn ihr vom Schwimmen kommt, noch an, lu? Versprochen! Dann kannst du ihr alles erzählen, was du erlebt hast. Sie mag das Wasser doch besonders gern, wie alle Fhoi Myhore, sie hört bestimmt gerne, was du ihr vom Schwimmen zu erzählen hast. Und bevor ihr schwimmen geht, läufst du mal zu deiner Tante Iman'Dra, okay? Ich glaube nämlich, da hab ich was gelassen, was ab heute dir gehört", lächelte sie, um den kleinen Kerl aufzumuntern. Sie wusste, er war gerade ziemlich alleine auf Tron'Jenar. "Und spätestens in ein paar Wochen sind wir alle wieder zu Hause und dann spielen wir und schwimmen im Pool in der Zuflucht und Dadina malt mit dir, Khi spielt Gitarre und singt Lieder mit dir und wir beide gehen zusammen auf die Jagd... klingt das gut? Ja? Und jetzt wünsche ich euch ganz viel Spaß... und vergiss nicht zu Tante Iman'Dra zu gehen!", gab sie ihm noch einmal mit auf den Weg. "Ich hab dich lieb!"

    Als Dara'Jan an diesem Morgen am Tempel der Wünsche aufgewacht war, war Adina bereits auf und davon gewesen. Nach einem schläfrigen Tasten im Nebenbett und einem kurzen Blinzeln durch den Raum hatte sie diesem Umstand mit einem leisen Knurren nachgegeben und sich missmutig die Decke noch einmal über den Kopf gezogen. Die Fhoi Myhore schienen nicht so viel Schlaf zu brauchen wie sie als Halbklingonin. Anders war es nicht erklärbar, dass diese Frau bis tief in die Nacht hinein mit ihr zusammen wach war, um dann beim geringsten Anzeichen von Morgendämmerung bereits wieder munter aus den Federn zu springen und die nächste Aktivität anzustreben. Dara wusste definitiv, dass auch sie in diesem Urlaub nicht viel schlief und oft genug übernächtigt war - auch ohne Nachteule und früher Vogel in einer Person zu sein, wie Adina es offenbar war.

    Sie gähnte und streckte sich, bevor sie sich schließlich aus den warmen Decken quälte, um an der Bettkante langsam zu sich zu finden und schließlich aufzustehen. Puh. Dieser Urlaub war zwischenzeitlich anstrengender als ihr normaler Alltag auf Tron'Jenar, trotz des Trainings, das sie dort zu absolvieren hatte. Und noch während sie darüber nach sinnierte, traf sie ein Gedanke quasi aus dem Nichts und ihr Blick ruckte auf ihr PADD, das sie neben sich liegen hatte, nur um festzustellen, dass sie das Datum richtig im Kopf hatte. Das war der letzte Push, den sie gebraucht hatte, um endgültig wach zu werden und rasch sprang sie auf, zog sich einen Morgenmantel an, bürstete sich durch das lange, dunkle Haar und setzte sich dann vor das Terminal in ihrem Raum, um mit vor Freude laut klopfendem Herzen den Code einzugeben, der sie mit Tron'Jenar verbinden würde. Genauer gesagt mit den Räumen ihrer Tante Nina, bei der sie den kleinen Rabauken wohl finden würde.

    Als die Verbindung hergestellt war und ihre Tante das Gespräch annahm, lächelte Dara dieser mit einem Strahlen in den Augen entgegen. "Guten Morgen, Tante Nina!", rief sie so freudig, als habe sie die gute Frau seit Jahren nicht mehr gesehen. Wie es ihr zuweilen auch durchaus vorkam. Auf Tron'Jenar anzurufen, was sie mindestens alle zwei Tage tat, war immer ein Grund zur Freude und ein Quell der Entspannung für sie. "Wie schön, dich zu sehen... geht es dir gut? Und allen anderen? Ich hab dich so lange nicht gehört!" Das war tatsächlich nicht einmal gelogen, denn ihre Anrufe galten eher ihrer Mutter Iman'Dra oder zwischenzeitlich ihrer allzeit heiß geliebten Tante SoH. D'Ankwar und Nina ließ sie zwar jedes Mal grüßen, sah sie aber nur am Terminal, wenn es sich zufällig ergab, denn selbst ihr wäre es übertrieben vorgekommen, wirklich jeden ihrer Familie alle zwei Tage einzeln anzurufen. "Und ist das Geburtstagskind in deiner Nähe und mag mal mit mir reden?", fügte sie gleich hinzu, wobei ihr Lächeln noch breiter wurde. Sie sagte es nicht laut, aber alle in der Familie, ebenso wie sie selbst, waren sicherlich ausgesprochen erleichtert, dass sie diesen Tag feiern konnten und nicht betrauern mussten, bedachte man, dass der kleine Arju'Tai den Angriff des Empires zum Jahresbeginn beinahe nicht überlebt hätte. Gespannt wartete Dara'Jan auf Antwort.

    Früh am Morgen trat Dara aus der kleinen Herberge in Otaru heraus, wo sie sich am Abend zuvor mit Adina ein Zimmer genommen hatte. Sie hatte Ssihanna versprochen bis zum Mittag des heutigen Tages zurück in Sapporo zu sein, damit die ganze Gruppe weiter reisen konnte. Soweit sie wusste, hatte ihre Kusine mit ihrem Mann zusammen auch einen eigenen Ausflug unternommen, ebenso wie Himiko, die es zu einem der Tempel gezogen hatte. Isleen war in Sapporo geblieben und hatte sich um die Kinder gekümmert. Vermutlich nicht allein, denn Ssihanna würde ihre vier kleinen Kinder sicherlich nicht einer Frau anvertrauen, die sie erst kennen gelernt hatte, aber da sie selbst mit Adina alleine hatte fortgehen wollen, waren Isleen nicht viele Alternativen geblieben als in Sapporo zurück zu bleiben. Dara'Jan hoffte, dass es der jungen Fhoi Myhore nichts ausgemacht hatte. Aber sie war zuversichtlich.

    Sie streckte sich in der frischen, schneidend kalten Morgenluft, atmete ein paarmal tief ein und aus und ließ einige Dehnübungen folgen, wie sie es gerne nach dem Aufwachen tat, um ihre Muskulatur und ihren Kreislauf richtig in Gang zu bringen. Erfrischt machte sie sich dann auf einen kurzen Weg durch die Stadt. Zunächst besuchte sie den Stall, in dem am Tag zuvor ihrer beider Pferde untergebracht worden waren und bat dort darum, die Tiere fertig zu machen. Sie würde sie auf dem Rückweg einsammeln und Adina dann abholen. Man versprach ihr, dass es sofort geschehen würde und Dara bedankte sich und setzte ihren Weg fort. Ihr Ziel war der Laden, den sie gestern gemeinsam besucht hatten. Eine enorme Ansammlung von gläsernen Kunstwerken, Schneekugeln und Spieluhren, alles selbst hergestellt in dieser Stadt. Eine beeindruckende Sammlung, die vor allem Adina sehr gefallen hatte, genau wie Dara gehofft hatte. Ihre kleine Künstlerin war vollkommen in ihrem Element gewesen und Dara'Jan selbst so beschäftigt damit, sie in ihrer Freude zu beobachten, dass sie ganz vergessen hatte, dass sie selbst noch einiges besorgen wollte. Das galt es jetzt noch nachzuholen, so lange sie die Gelegenheit dazu hatte.


    Eine knappe Stunde später ritt sie auf ihrem Pferd im Schritt die Straße zur Pension hinunter. Adinas Pferd führte sie an der langen Trense hinter sich her und parierte beide zum Stand durch, als sie ankam. Sie stellte sich in ihren Steigbügeln auf und rief zu ihrer beider Zimmerfenster hinauf: "Ich hoffe, die schöne Dame, die dort oben wohnt, ist zur Abreise bereit! Euer Pferd und Eure Eskorte warten, Mylady!" Gespannt sah sie zum Fenster hinauf, bekam jedoch keine Antwort. Einen Moment enttäuschte sie das ein wenig und sie dachte schon, dass Adina sie vielleicht nicht gehört hatte oder nicht mehr im Zimmer war, als sich jedoch die Tür zur Pension öffnete und die Gerufene in einem pelzbesetzten Kleid in den Wintertag hinaustrat. Sie lächelten sich zu und Dara reichte ihr die Zügel ihres Pferdes an, damit sie aufsteigen konnte. Als sie im Sattel saß, beugte sich Dara hinüber, um einen Kuss zu ergattern. "Komm... es wird Zeit. In Sapporo warten sie bald auf uns."


    Auf dem Weg durch die schneebedeckte Küstenandschaft Japans dachte Dara an den gestrigen Tag zurück. An seine Licht- und Schattenseiten. Es hatte den ersten wirklichen Streit zwischen ihnen gegeben auf dem Hinweg nach Otaru und obwohl sie sich versöhnt und die Sehenswürdigkeiten der Stadt miteinander genossen hatten, war die Erinnerung an die Inhalte und die Gefühle, die damit einhergegangen waren, noch immer lebendig in ihr. Sie wollte nicht, dass es noch einmal passierte. Mit Adina nicht im Einklang zu sein, nicht die übliche Harmonie zwischen ihnen zu empfinden, hatte sie in einer Hilflosigkeit zurück gelassen, die die Wut nur noch gesteigert hatte. Und in einem Gefühl von Not, das dafür gesorgt hatte, dass die Inhalte selbst immer mehr zurück gedrängt worden waren. Sie wollte nicht streiten. Nicht über L'Lal'Loria und seine Politik und Rechtssprechung, die so weit weg waren. Nicht darüber, was sein würde, wenn Adina die Umwandlung zur Fomorii durchlaufen hatte, was ebenso noch Zeit hatte. Alles würde sich finden. Alles würde gut werden. Es war nicht nötig, darüber in Diskussionen zu verfallen. Die Zeit, die sie miteinander hatten, war zu kostbar und zu schön, um sie mit so etwas zu verschwenden.

    Lieber erinnerte sich Dara deshalb weiter an das, was in dem kleinen Hafenstädtchen geschehen war. Der Gang durch den Laden, der Adina so gefallen hatte. Die kleine, stille Ecke darin, die sie für sich gefunden hatten für einen Moment der Zweisamkeit. Der Spaziergang durch das winterliche Wunderland, in das das traditionelle Schnee-Festival Otarus die Straßen und Gassen verwandelt hatte. Schneefiguren aller Arten und Größen hatte es gegeben und vor allem Lichter. Lichter im Schnee, Lichter im Fluss, Lichter, die die Figürchen angestrahlt hatten... Lichter, Lichter, Lichter, wo man auch hingesehen hatte. Als hätten die Sterne auf der Erde zu strahlen begonnen. Ein magischer Weg durch eine unwirkliche Schönheit, die Dara für eine kleine Weile an das zauberhafte Da'Dana'Han, die Heimatwelt der Fhoi Myhore, erinnert hatte. Und daran, wie sehr sie diese Welt seit Kindertagen liebte.


    Schließlich blieben ihre Gedanken am großen Finale ihres Spaziergangs hängen. Es hatte sie einen Hügel hinauf geführt, von dem aus man die gesamte, erleuchtete Stadt hatte überblicken können. Fackeln waren in einem großen Kreis rings um einen entlaubten Baum herum aufgestellt worden, der wiederum von bunten Lichtern angestrahlt worden war. Die Szenerie war atemberaubend gewesen. Dara erinnerte sich daran, wie sie sich dort oben zu Adina umgedreht und in der Sprache L'Lal'Lorias zu ihr gesagt hatte: "Ich weiß, wir hatten nicht... den besten Start in diesen Tag, aber... es gibt niemanden, mit dem ich jetzt lieber hier wäre als mit dir, Dina." Und als sie daran dachte, jetzt, wo Sapporo in der Ferne in Sicht kam, ergriff sie über die Pferde hinweg Adinas Hand. "Gleich sind wir da und stürzen uns wieder ins Getümmel... ich freu mich auf die Anderen. Aber schön, dass wir Otaru miteinander gesehen haben, mein Goldstern."

                                                                                               Drei Tage später...


    Dara'Jan verließ beschwingten Schrittes die Festung Kansai und hielt auf die Stallungen zu. Es war frühester Morgen, die Sonne war noch nicht einmal aufgegangen und nur das zaghafte erste Zwielicht und die Morgennebel leisteten ihr Gesellschaft. Tief atmete sie die frische Morgenluft ein und verfiel in einen leichten Trab. Sie fühlte sich so lebendig! Ein breites Lächeln legte sich bei diesem Gedanken über ihr Gesicht und brachte die blauen Augen zum Strahlen. Sie lachte leise und hob entspannt die Arme in die Luft, um die Kühle bis in die Fingerspitzen hinein zu fühlen. Es war Winterzeit in Japan, früh im Jahr und noch hatte die Kirschblüte sich nicht angekündigt, die den Frühling bringen würde. Im Gegenteil lag vereinzelt durchaus noch Schnee im Land und das kalte Wetter ließ die Lebensgeister der jungen Halbklingonin hochschnellen als sei sie in Eiswasser gesprungen.

    Sie wusste, was heute anstand und konnte es kaum noch abwarten. Denn heute, heute würden sie endlich wirklich aufbrechen! So schön Kansai war und so entspannt es sich hier leben ließ als Gäste ihrer Kusine, der Herrin von Kansai, so sehr wollte sie allerdings jetzt hinaus und mehr entdecken von diesem Land, das ihr bisher immer eher fremd und recht egal gewesen war. Aber seit zwei Tagen war nichts mehr, wie es vorher noch gewesen war - aus diversen Gründen, die sie tief in sich spürte wie einen wärmenden Ball voll Licht.

    Der erste Grund war und würde wohl immer Adina sein. Nichts konnte ihr selbst so viel Freude geben wie die Freude ihrer Liebsten zu sehen und diese Freude war seit zwei Tagen unentwegt spürbar, besonders wegen dem kleinen Wunder, das nun in ihr wuchs. Und Dara'Jan wusste, Adinas Freude würde sich nur noch erhöhen, je mehr Fremdes, Schönes und Wundersames sie entdecken würden, auch wenn Dara sich kaum vorstellen konnte, dass sie noch Wundersameres erleben würden als das, was sie in den letzten zwei Tagen gesehen und gefühlt hatte. Aber auch sie war gespannt auf alles, was Ssihanna, Isamu, Himiko und die anderen Japankundigen ihnen würden zeigen können. Denn sie beide würden diesmal nicht alleine reisen, wie sie es noch auf L'Lal'Loria getan hatten - nein, es hatte sich ergeben, dass es ein ganzes Gefolge sein würde, mit dem aus unterwegs sein würden.

    Zunächst hatte es sich ergeben, dass Ssihanna sich erboten hatte, sie zu begleiten und ihnen einige der schönsten Orte des Landes zu zeigen, die sie selbst hatte entdecken dürfen in ihrem Anfangsjahr vor Ort. Etwas, das Dara'Jan ganz besonders gefreut hatte, denn Ssihanna war Teil der Familie und sie bei sich zu haben, war wie ein kleiner, ganz eigener Seelentröster sollte sie sich doch einmal fremd fühlen, wie es ihr häufig außerhalb Tron'Jenars passierte, schon seitdem sie ein Kind gewesen war. Außerdem war es unvorhergesehen für sie gekommen, denn sie hätte absolutes Verständnis dafür gehabt, wenn Ssihanna sich aus sämtlichen Aktivitäten der Mädchengruppe heraus gehalten hätte, jetzt, wo sie gerade drei kleine Neugeborene und dazu noch eine Anderthalbjährige hatte! Allein bei der Vorstellung schwirrte Dara der Kopf. Das eine, das sie durch Adina erwartete, ließ ihr bereits den Puls hochfahren! Doch genau aus diesem Grund - und weil er vermutlich keine Lust hatte, sich um vier Kleinkinder alleine zu kümmern, was Dara ihm nicht verdenken konnte - hatte sich auch Isamu bereit erklärt, der Reisegruppe beizutreten und die Kinder mitzunehmen. Dara schmunzelte bei der Erinnerung an Adinas begeisterte Reaktion, als sie davon gehört hatte. Lauter Babys für sie zum Kuscheln, wenn ihr danach war!

    Himiko hatte sich, als es bekannt geworden war, schlicht angeschlossen, da ihr Khi'LeisaH als besondere Kumpeline gerade verloren gegangen war. Sie würde noch eine ganze Weile in Kanada sein und da Himiko wenig Lust darauf hatte, alleine in Kansai zu bleiben, hatte dieser Entschluss nahe gelegen. Sie kannte die Orte freilich, sie hatte in ihrer Kindheit und Jugend lange Phasen im Heimatland ihrer Familie verbracht und hatte eher noch ihre eigenen, kleinen Geheimtipps, was sie Dara und Adina bereits angekündigt hatte. Sie war nicht auf große Sehenswürdigkeiten und besondere Orte aus. Ihre Spezialität waren die besonderen Läden für Adinas Kunst- und besonders Kleidergeschmack, den sie mit ihr teilte und alles, was man sonst auch nicht unbedingt in einem Reiseführer finden würde, zumindest an manchen Orten, wo sie sich eben auskannte. Auch sie hatte dahingehend natürlich nicht das ganze Land auf dem Schirm.

    Die größte Überraschung für Dara'Jan war allerdings Adinas Vorschlag gewesen, Isleen mitzunehmen. Wenn man genauer darüber nachdachte, war es eigentlich gar nicht so überraschend, denn ansonsten müsste die Gute alleine hierbleiben und das war freilich keine Lösung, aber Dara hätte nicht unbedingt erwartet, dass es ein Anliegen Adinas sein würde, die junge Fhoi Myhore auf die Rundreise mitzunehmen. Aber vielleicht war es auch ein schlichtes Zugehörigkeitsgefühl aufgrund ihrer gemeinsamen, l'lal'lorianischen Abstammung, die Adina dazu bewogen hatte, denn gut kannten die beiden sich bisher, Daras Wissen nach, eher nicht.

    Sie würden also eine ordentliche Reisegruppe abgeben, zusätzlich aufgestockt durch all die Leute, die Ssihanna und Isamu als Eskorte dabei haben würden, was allerdings gar nichts schaden konnte, denn es war allgemein bekannt, dass die Zeiten hier im Land unruhig waren und es auch hier jederzeit zu Zwischenfällen kommen könnte. Dara betete, dass dem nicht so sein würde. Sie hatte genug. Genug von Anschlägen, genug von Toten und Verletzten. Der Anschlag auf Tron'Jenar war schlimm genug gewesen und sie hoffte, dass sie sich alle hier ein wenig würden entspannen können. Und dass sie entdecken würde, was sie zu finden hoffte - die alten Spuren ihres Vaters, die er in diesem Land einst hinterlassen hatte.

    Ihre Hand umklammerte seine Pfeife in ihrer Tasche, während sie daran dachte und dann in den Stall eintrat, in dem bereits rege Betriebsamkeit herrschte, denn alles musste bereit sein, wenn die Herrschaften aufzubrechen gedachten. Und so war Daras Hilfe bei den Pferden willkommen, als sie sie anbot. Bis zum Frühstück würde sie gerne mitarbeiten.

    Dara'Jan griff nach der Dose, die sie dabei hatte und öffnete sie, um die Fleischpastetchen, die sie sich aus der Tron'Jenar-Küche stibitzt hatte, bevor sie abgeflogen waren, auf einem Teller anzurichten. "Noch sind sie ein bisschen warm! Wenn wir schnell sind... oh..." Sie unterbrach ihren Ausruf und sah über die Schulter zu Himiko, die auf der anderen Seite des Tisches ihr Mitgebrachtes auszupacken begann. Sie schnupperte. "Das riecht gut!" "Gefülltes Omlette", ließ Himiko sie wissen und lächelte. "Ich hab das genommen, was Isamu gestern Abend bei uns zu Hause gemacht hat und was meine Geschwister noch nicht weggegessen haben. Wir hatten ja keine Zeit mehr, selber was vorzubereiten..." Dara nickte und zuckte gleich danach die Achseln. "Ah, naja. Zur Not hätten wir mehr als einen Replikator gehabt, aber da die Drecksschweine vom Empire zumindest unsere Küchen größtenteils intakt gelassen haben, konnte ich einiges an Vorrat klauen, das ein bisschen frischer schmeckt als Replikatoressen", meinte sie und grinste Himikos betretenem Gesichtsausdruck herausfordernd entgegen. Kein langes Gesicht heute! Sie hatte keine Lust mehr darauf. "Hier, fang!", rief sie, um die Gedanken der Freundin sofort wieder vom Angriff wegzulenken und warf ihr eine weitere Dose zu. Das Mädchen zuckte zusammen und bemühte sich redlich, der Aufforderung nachzukommen. Das gelang allerdings nur in der Theorie, denn ihre Hand streifte das Zielobjekt, das dann mit polternder Präzision auf dem Boden aufkam, sich ein paar Mal überschlug und schließlich schlitternd gegen die Wand prallte.

    Adina, Asuka und Khi'LeisaH, die im ganzen Raum verteilt waren, sahen kollektiv von ihren Tätigkeiten auf bei dem Radau. Während Adina und Asuka sich in Einheit um ein bisschen Dekoration kümmerten - immerhin hatte man etwas zu feiern! - war Khi zur Meisterin der alkoholfreien Cocktails erklärt worden. Erster Mixer, wie Dara sie liebevoll getauft hatte. Himiko wurde rot ob der Aufmerksamkeit der Anderen. "Sumimasen...", hauchte sie und Dara sah ihrerseits entschuldigend gen Adina. "Ich hab Obsttörtchen für dich mitgenommen... die waren in der Dose. Ich hoffe, sie haben es überstanden. Sonst hast du Obst-Teig-Pudding-Pudding", strahlte sie sie an. Ihre Liebste verzog leicht das Gesicht bei dieser Ankündigung. "So sehr ich deine Art des Backwerkes schätze, so scheint es mir doch nicht so, als ob ich dies noch essen würde...", erwiderte sie ein wenig befremdet, was Dara die Brauen hochziehen ließ. "Was? Warum? Es ist immer noch dasselbe... genauso frisch, genauso lecker. Nur vielleicht nicht mehr in Törtchen-Form..." Himiko hatte die Dose inzwischen wieder aufgehoben und vorsichtig den Deckel gelöst. "Sie haben es überstanden. Nur ein paar kleine Schönheitsfehler", vermeldete sie pflichtgetreu, bevor sie Dara ein bisschen empört ansah. "Du hast zu plötzlich geworfen!", beschwerte sie sich mit dem Nachdruck eines beleidigten Kätzchens, der nicht gegen Daras Amüsiertheit ankam. "Ist ja nochmal gut gegangen", antwortet diese allerdings beschwichtigend, um die Sache jetzt nicht deutlich mehr aufzubauschen als zwingend notwendig.


    Isleen lugte ein wenig aus dem Schatten hervor, als sie die Mädchen hinter der Tür reden und lachen hörte. Ein merkwürdiges Geräusch, nach wie vor. Während ihrer ganzen Zeit in der Außenwelt Tron'Jenar hatte sie sich an den Ton von Lachen nicht gewöhnen können. Es klang wie unkontrollierte Tierlaute - vielleicht ein wenig netter. Aber wo Lachen nicht ansteckte, fiel es auf fruchtlosen Boden. Die junge Fhoi Myhore, die vor zwei Stunde noch nicht gewusst hatte, dass sie jetzt auf diesem Schiff auf dem Weg in die Fremde sein würde, schlang die Arme um sich herum und zog sich weiter ins Dunkel zurück, als sie Krieger der Besatzung näherkommen hörte. Sie wollte nicht, dass sie sie sahen. Noch nicht. Sie hatte sich noch nicht wieder gefangen. Die Ereignisse der letzten Tage und Wochen überschlugen sich derart, dass sie kaum noch mitkam. Niemand von den Herrschaften zu Tron'Jenar oder auch nur den Mädchen in diesem Zimmer kannte sie wirklich und hätte wohl gedacht, dass der Angriff und die Nachklänge auf Tron'Jenar irgendeine nennenswerte Auswirkung auf sie gehabt hätten, doch so war es geschehen und so geschah es mit diesem neuen Auftrag weiterhin.

    Die lieblichen, würzigen Gerüche aus dem Inneren des Raumes traten langsam hinaus in den Flur und somit in Isleens Dunstkreis, die gierig schnupperte und ad hoc das Gefühl hatte, einen Felsblock im Magen zu haben - gleich gefolgt von bohrendem Hungergefühl, denn ihr Körper schwankte in diesen ersten Wochen der Schwangerschaft so schnell zwischen Übelkeit und Hunger hin und her, dass sie oft kaum wusste, ob ihr Magen gerade voll oder leer war. Sie schloss die Augen und spürte, wie ihr der kalte Schweiß ausbrach und ihr schwummerig wurde. Mühsam schluckte sie und lehnte den Kopf an die Wand, atmete einige Male tief durch und zog dann ein Hypo hervor, das sie sich selbst initiierte. Für den Moment würde das ausreichen, um das Schwächegefühl zu vertreiben. Sie hatte oft genug Frauen betreut, die am Anfang der Saat solche Probleme gehabt hatte. Sie kannte die Medikamente, die halfen. Und sie hatte nicht vor, sich allzu bald aus ihrer Position fortzubewegen, obwohl sie wohl gut daran täte zu essen und zu schlafen. Aber die Herrin hatte ihr den ausdrücklichen Auftrag gegeben, die Töchter von Tod und Leben zu bewachen und auf sie aufzupassen und das würde sie tun.

    Isleen war es seit Jahren gewöhnt, den Worten von Lavernis Ad'Malay ohne Wenn und Aber zu folgen. Seit Nelassier. Seit ihre Familie am Kreuz gehangen hatte. "Acht Jahre...", murmelte sie leise, während sie darüber nachdachte. Acht Jahre Dienst. Acht Jahre Zähne zusammen beißen. Acht Jahre auf sich aufmerksam machen. Nicht zu wenig, um nicht in Vergessenheit zu geraten und ebenso keinstenfalls zu viel, um nicht selber am Kreuz zu enden. Irgendwie hatte sie es überstanden, auch wenn sie das Gefühl hatte, dass die Herrin sie nach wie vor lieber von hinten wie von vorne sah. Vermutlich wäre sie bereits tot ohne das Eingreifen des Hohen Herrn Peredur an jenem Tag der Feldbestellung und die Herrin hätte keinen zweiten Gedanken mehr an sie verschwendet. Aber dafür hatte es weitere Tage der Feldbestellung gegeben vor sehr kurzer Zeit. Tage und Schmerzen, die sich eingebrannt hatten und die sie diesmal in Peredurs Namen fast umgebracht hätten. "Ich werde ihnen schon noch zeigen, was sie an mir haben...", flüsterte sie. Irgendwie. Irgendwann. Wenn der Tag kommen würde, an dem sie vom Dasein der Dienerin aufsteigen und sie alle endlich erkennen würde, was sie schon immer gewesen war... eine, die zu Großem bestimmt war! Verbissen, erschöpft und entnervt ruckte ihr Blick wieder zur Tür, als das Schwatzen und Lachen erneut lauter wurde und Besteck und Teller fröhlich klimperten.


    Dara'Jan streckte sich und gähnte, nachdem sie ihren leeren Teller zurückgeschoben hatte. "Denkt nur, morgen Mittag sind wir schon fast da... wenn wir lange schlafen morgen, haben wir kaum noch Reisezeit", meinte sie vergnügt und schlug die Beine übereinander. "Ich hoffe nur, die arme Ssihanna hat noch keine Wehen auf dem Schiff und es klappt alles, wie sie es sich wünscht", nickte Himiko. "Es wäre so schön für Isamu, wenn die Kleinen in Japan geboren würden diesmal..." Das diesmal hing ein wenig im Raum. Ja, die Erinnerungen an Asunas Geburt waren alles andere als positiv. Aber vergangen und Dara sah an Khi'LeisaHs Gesichtsausdruck, dass ein Themenwechsel nicht allzu schlecht wäre, was ihr ganz recht war. Auch sie wollte im Moment nicht an Geburten und alles, was damit zu tun hatte, denken. "Wird es bestimmt. Ssihanna sagte keine Panik, also mach ich mir keine Panik", erwiderte sie von daher und stand auf. "Entschuldigt mich kurz." Sie beugte sich im Stehen zu Adina hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor sie sich aus dem Raum zurückzog und auf den Flur hinaustrat. Sie musste eine Runde über das Schiff gehen, bevor sie noch einschlief. Frische Luft hatte es hier leider nicht, das wäre ihre gewohnte Methode auf Tron'Jenar - ein Spaziergang nach dem Essen und man war wieder frisch und munter. Aber gut. Dann eben ein paar Runden um den Schiffsblock. Doch gerade, als sie loslaufen wollte, erhaschte sie einen hellen Schimmer im Augenwinkel und sie wandte sich um und fuhr erschrocken zusammen. "Bei Kahless... warum kauert Ihr denn da in der Ecke herum?", fragte sie im Affekt und ging auf Isleen zu, die sich aufrichtete. "Mögen die Reihen Eurer Trauernden lang sein", grüßte die Fhoi Myhore die Lebenstochter. Die Erlöserin. So allein war sie mit ihr noch niemals gewesen. "Verzeiht, ich... wusste nicht recht wohin. Ich wurde dieser... Reise zugeteilt von der Herrin Lavernis Ad'Malay, um mich um die Hohe Adina Le'Han zu kümmern in der Ferne, aber..." "Ah! Ihr seid Isleen, die Hebamme... ja, stimmt, wir waren auf dem Klingonenfest auf Da'Dana'Han zusammen!", unterbrach Dara'Jan sie herzlich. "Aber dann müsst Ihr doch nicht alleine auf dem Flur sitzen... kommt..." Und noch bevor Isleen wirklich wusste, wie ihr geschah, da sie Dara'Jans lebhafte Natur nur aus der Ferne kannte, fühlte sie sich gepackt und zu jener geheimnisvollen Tür gezogen, die sich daraufhin sofort öffnete. "Hey, Mädels!", rief Dara in den Raum hinein. "Wir haben Isleen ganz vergessen... Khi, du kennst sie noch, oder? Ihr habt euch doch schon auf Da'Dana'Han auf dem Fest nett unterhalten... die Arme saß ganz alleine auf dem Flur! Stört doch nicht, wenn sie bei uns bleibt, oder?"

    Als Dara'Jan an diesem Tag die Station betrat, ging ihr letztes und einziges Lächeln an den Transporter-Chief, der sie an Bord gebeamt hatte. Kaum den TR verlassen, straffte sich ihre Haltung und sie steuerte den nächsten TL an. Sie musste den Computer nicht fragen, wo sich ihr Zielort befand. Das wusste sie auch so genau. Man hatte sich bereits vorher erkundigt.

    Das junge, halbklingonische Mädchen schritt den Weg ruhig ab. Die Blicke, die sie streiften, blieben kurz haften, verweilten nicht auf ihr, aber im Vorübergehen mochte man den Eindruck gewinnen, dass man es hier nicht mit einem halben Kind von 13 Jahren zu tun hatte. Dara'Jan hatte in den letzten Wochen einen Schub in die Höhe gemacht und zusätzlich dazu in letzter Zeit verstärkt ihr Kampftraining aufgenommen, zu dem ihre Mutter sie in den letzten Jahren immer ein wenig hatte drängen müssen. Natürlich hatte es dazu gehört und Dara'Jan hatte das niemals in Frage gestellt, aber es hatte ihr - neben spielerischen Kabbeleien, die ihr im Blut lagen - nie viel Leidenschaft entlockt. Sie war ein sanftes Kind gewesen, sensibel und leicht zu Tränen zu rühren. Man hatte wenig Härte und Widerstandskraft in ihr gesehen. Doch dies begann sich nun zu ändern. Hatte sich bereits in den letzten Wochen und Monaten in eine andere Richtung zu entwickeln begonnen, seitdem sie mehr über sich selbst und diverse Geheimnisse herausgefunden hatte, die zu einem Disput mit ihrer Mutter geführt hatten. Und wer gegen Iman'Dra von Tron'Jenar bestehen wollte, brauchte dafür scharfe Zähne, breite Schultern und einen festen Stand. Nicht nur, um zu gewinnen. Auch schon, um überhaupt ernst genommen zu werden, selbst in einem simplen verbalen Schlagabtausch. Dies alles hatte Dara'Jan in diesem Streit zum ersten Mal uneingeschränkt bewiesen und wer den Weg der Klingonen einmal zu beschreiten begonnen hatte, wer einmal entsprechend Blut geleckt hatte, der ging eben diesen selten wieder zurück. Auch sie hatte das nicht vor. Tatsächlich hatte es sich ausgesprochen gut angefühlt, jemandem ihre uneingeschränkte Wut ins Gesicht zu schleudern. Und genau aus diesem Grund würde sie es heute wieder tun. Nicht bei ihrer Mutter. Oh nein. Ihr Ziel war ein ganz anderes.

    Praktischerweise besaß man aufgrund von Onkel und Tante bereits seit längerer Zeit eine zivile Zugangsberechtigung zum Sperrbereich der Spezialkräfte, in den sie unterwegs war. Die geringste Sicherheitsstufe, aber das war alles, was sie brauchte. Die hochgesicherten militärischen Sektionen interessierten sie nicht. Sie musste nur in eines der Quartiere und als sie vor diesem ankam, summte sie in aller Seelenruhe und wartete.


    Himiko Tokusawa sah bei dem Summen erstaunt auf und zog die Kopfhörer ab. Hmm?! Hatte sie sich das nun eingebildet oder...? "Es hat gekliiiiingelt!", hörte sie im selben Moment auch schon die aufgeregte Stimme ihres jüngeren Bruders aufjauchzen, der sofort heran gewuselt kam. "Darf ich aufmachen?!", bat er und sah die große Schwester mit glänzenden Augen an. "Machen wir zusammen", beschloss diese, stand dann vom Sofa auf, auf dem sie gelegen und ihrer Musik gelauscht hatte, nahm den fast Vierjährigen an die Hand und führte ihn zur Tür. "Na, dann drück mal den Knopf", lächelte sie sanft und Hikaru beeilte sich, ihrer Aufforderung Folge zu leisten. Mit so viel Freude in den Augen, dass Himiko ein Lachen unterdrücken musste. Sie waren schon niedlich, ihre zwei kleinen Geschwister. Ohne hinzusehen war sie ihr klar, dass Natsumi bereits an der Tür des Kinderzimmers kauerte, um die Ecke luschernd, um das große Ereignis aus der Ferne mit zu erleben. Hikaru tat, wie ihm geheißen und als die Tür zur Seite swuschte, blinzelte Himiko verwundert. "Dara!", rief sie und lächelte erfreut auf, verneigte sich zur Begrüßung, wie sie es von zu Hause gewöhnt war und deutete mit der Hand einladend in die Wohnung hinein. "Komm doch rein!"

    Die beiden Mädchen kannten sich schon recht lange, waren fast gleichaltrig. Himiko war nur wenige Monate älter und inzwischen 14 Jahre alt, aber viel trennte sie nicht. Da die beiden Familien immer in gutem Kontakt gestanden hatten, hatte es bereits mehr als einen Nachmittag gegeben, an dem Himiko, Dara'Jan und Khi'LeisaH miteinander gespielt hatten.

    Auch Dara'Jan verfolgte diesen Gedankengang, als sie sich Himiko gegenüber sah und als der Name Khi'LeisaH dabei ihren Geist kreuzte, spürte sie erneut einen wütenden Stich durch ihr Inneres fahren, der ihr Blut zum Kochen brachte. Ihre Lippen schürzten sich akut. Selbst für die freundliche Himiko hatte sie gerade kein Lächeln übrig. Obwohl sie wollte, denn diese konnte nichts für die ganze Sache. Aber es ging nicht. "Hey, Himiko", erwiderte sie dennoch den Gruß und ihr Blick huschte hinab zu dem kleinen Jungen, der ihr entgegen griente. Innerlich seufzte sie auf. "Tust du mir einen Gefallen?", richtete sie dann wieder an ihr Gegenüber, wobei sich ihr Gesicht wieder hob und sie sie erneut ansah. Himiko neigte den Kopf leicht zur Seite, das seidige schwarze Haar fiel ihr bei dieser Bewegung über die Schulter hinab. "Wenn ich kann. Welchen denn?" "Nimm deine kleinen Geschwister und geh mit ihnen Eis essen. Ich hab was mit deinem Bruder zu klären." Ob es ihre Stimmlage oder der finstere Blick aus den zur Zeit frostblauen Augen war, wussten weder Dara'Jan noch Himiko selbst, aber die junge Japanerin wurde unweigerlich ein paar Zentimeter kleiner. Instinktiv wusste sie, dass Ashitaka ordentlich Ärger hatte, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was er getan haben könnte, um ausgerechnet Dara'Jan zu verärgern. Kurz herrschte unsicheres Schweigen zwischen den beiden Mädchen. "Wird's ihm weh tun?", fragte Himiko schließlich irgendwann leise nach. Sie war kein Dummchen und selber unter Kriegern aufgewachsen. Sie kannte den Ausdruck in den Augen. "Ja", antwortete Dara'Jan da auch durchaus ehrlich. "Sag's deiner Mutter. Sie soll herkommen. Aber gib mir zehn Minuten, bevor du zu ihr gehst. Bitte. Glaub mir, er hat's verdient." Himiko zögerte. "Dara, hör mal, ihm geht es wirklich nicht gut, er..." Dara'Jan schüttelte den Kopf, noch bevor Himiko den Satz zu Ende bringen konnte. "Interessiert mich nicht. Ich hab ihm was zu sagen und das werde ich tun und du kannst natürlich entweder hier bleiben und deine kleinen Geschwister dabei zuhören lassen, wie ich ihn zusammen brülle oder du bringst sie vorher raus. Wahlweise lässt du mich nicht rein, das ist auch okay. Ich breche sicher nicht bei euch ein. Aber dann bleib ich hier stehen und warte auf ihn und dann kriegt's jeder mit, der hier draußen rumläuft. Ich geh nicht weg, bevor ich nicht mit ihm gesprochen habe. Also... gibst du ihm und mir ein bisschen Privatsphäre, um die Sache zu regeln oder nicht?" Himiko biss sich auf die Unterlippe. Mist. Ihr Blick huschte zu Ashitakas geschlossener Zimmertür. Aber immerhin, so hatte sie die Chance, ihrer Mutter Bescheid zu geben. Und so nickte sie schließlich unbegeistert, rief Natsumi zu sich und verließ mit den beiden Kleinen das Quartier, nachdem sie Dara'Jan hatte eintreten lassen.


    Dara'Jan wartete bis die Tokusawas, die sie gerade nicht gebrauchen konnte, die Bühne verlassen hatten. Es war nicht schwer, Himiko zu überzeugen und das hatte sie vorher gewusst. Selbst für sie, die früher ähnlich sanft und süß gewesen war, war es nie schwer gewesen, sie zu Spielen zu überreden, selbst wenn Himiko keine Lust dazu gehabt hatte. Als die Tür sich geschlossen hatte und sie allein im Wohnraum zurück geblieben war, richtete ihr Blick sich gleichsam auf die geschlossene Tür aus, zu der auch Himiko vorhin geblickt hatte. Schon in diesem Moment war ihr klar gewesen, dass er da drin sein musste. Also hielt sie darauf zu, hob die Hand und klopfte energisch dagegen. Summen erschien ihr zu nett. Eine Weile tat sich gar nichts, dann hörte sie schwerfällige Geräusche, dumpfe Schritte und als die Tür schließlich geöffnet wurde, sah sie in das verschlafene Gesicht eines zierlichen Jungen, dessen Gesichtsausdruck rasch von akuter Unlust zu völliger Irritation wechselte. Offenbar hatte er tief geschlafen, so tief, dass er das Summen an der Eingangstür und das Gespräch seiner Schwester nicht mitbekommen hatte und die Anwesenheit Dara'Jans ihn nun völlig unerwartet traf.

    Und es gab noch etwas, das ihn unerwartet traf, als er ansetzte, etwas zu sagen. Doch so weit kam er nicht, denn Dara'Jan hob sie geballte Faust und entlud die Wut, die sich wie ein heißer Knoten in ihrem Magen manifestiert hatte, in einem kräftigen Schlag in sein viel zu ebenmäßiges Gesicht. Dieses ekelhaft hübsche Gesicht, das ihre Kusine und beste Freundin zu Dingen verführt hatte, die von Anfang bis Ende nur ins Desaster geführt hatten. Sie erinnerte sich an dieses Gesicht. Hatte es selbst auf der Vereidigung in Shizuoka noch bewundert und es sogar selber drauf angelegt, dass Khi und er in ein erstes Gespräch miteinander gekommen waren. RAH! Allein der Gedanke machte sie nur noch zorniger. Ashitaka, der das nicht im Mindesten hatte kommen sehen, taumelte derweil zurück, verlor aufgrund der Wucht des Schlages das Gleichgewicht und fiel vor dem Mädchen zu Boden. Fassungslos starrte er auf seine Hand, mit der er reflexartig das geschundene Gesicht berührt hatte und die nun Spuren von Blut zeigte, das ihm aus der Nase zu laufen begann. "Hast du...?!", brachte er hervor, doch zu mehr kam er schon nicht mehr, denn Dara war im nächsten Moment bereits bei ihm im Zimmer. Ein gut gezielter Tritt mit der Stiefelspitze bohrte sich in seine Magengrube und der Junge keuchte auf, krümmte sich. Ihm blieb die Luft weg und mit geweiteten Augen starrte er auf die Halbklingonin, die mit eisiger Wut im Blick zurück starrte. "Halt's Maul", wies sie ihn da auch sofort an. "Ich rede. Sonst schlag ich dich weiter zusammen bis ich meine Worte loswerde."

    Als Ashitaka, der den Ernst der Drohung in der Luft spüren konnte, daraufhin den Mund hielt, bückte sich Dara hinab, ergriff ihn am Kragen und zerrte ihn hoch bis zur nächsten Wand. Er war ein gutes Stück größer als sie, hatte jedoch weitaus weniger Kraft und erholte sich nebenbei immer noch von den beiden Treffern, die er bereits hatte einstecken müssen. "Jetzt hör mir gut zu, du mieses Stück Scheiße", knurrte sie. "Niemand - aber auch wirklich niemand! - geht auf diese Art mit meiner besten Freundin um! Du denkst, das ist alles ein lustiges, kleines Spielchen und sie dein Freiwild? Dann lass mich dir jetzt mal erzählen, was sie in Wirklichkeit ist: Sie ist Khi'LeisaH von Tron'Jenar, einzige Tochter des Epetai und damit ziemlich weit oben in der verdammten Rangfolge für den Posten des Oberhaupts unseres Hauses! Sie hat eine Familie hinter sich, die dir jedes einzelne Organ rausreißen wird, wenn du ihr nochmal Schaden zufügst oder sie auch nur mit einem einzigen Atemzug demütigst und ICH werde dabei an vorderster Front stehen, nachdem ich meinen Onkel, meine Tante und Khis großen Bruder einen Bissen hab nehmen lassen!" Ein weiterer Faustschlag in sein Gesicht folgte, doch noch immer ließ sie ihn nicht los. "Sie hat dir vertraut! Dachte, euch verbindet was, weil ihr zusammen durch diese Scheiße in New York gegangen seid, aber du ekelhafter kleiner Dreckssack siehst offensichtlich nur dich selbst! Und jetzt treibst du sie von uns weg, weil sie deine bloße Anwesenheit und sogar die Schatten deiner Anwesenheit nicht ertragen kann und du ihr so zuwider ist, dass du uns unsere Prinzessin weggenommen hast!" Dara'Jans Stimme wurde lauter und lauter je mehr sie sich in Rage redete. Sie hatte nicht gelogen. Tatsächlich brüllte sie ihn zusammen. "Also merk dir das und überleg dir jeden einzelnen deiner Schritte von jetzt an ganz genau, denn wir beobachten dich! Selbst, wenn sie entscheidet, dir irgendwann zu verzeihen... wir beobachten dich! Ein Fehlschritt - einer! - und ich hack dir die Finger ab, dann kannst du dein komisches Instrument mit den Zehen weiter spielen, falls du je den Mumm hast, dich mal wieder dahinter zu klemmen!" Damit spuckte sie ihm ins Gesicht, rammte ihm noch einmal das Knie in den Magen und ließ ihn dann an der Wand hinab sinken, bevor sie sich kommentarlos abwandte und das Zimmer, das sie keines Blickes gewürdigt hatte, sowie das Quartier wieder verließ. Sache erledigt. Es wurde Zeit, nach Hause zu gehen.

    Dara'Jan griente, als sie den Auftrag bekam die Pflanzen zu gießen und löste sich dann von Ssihanna. Folgsam salutierte sie, wie Tante Angel es ihr beigebracht hatte und da Ssihanna ja auch bei den Forces war, war das sicherlich richtig so. "Lu, das mach ich", verspricht sie. "Und ich wisch den Staub weg... und wenn die Süßigkeiten in deinem Zimmer alle sind, dann musst du wiederkommen", lachte sie. Es war deutlich, dass sie einen Scherz machen und keinen Druck ausüben wollte. Aber es war nicht ungewöhnlich für Dara'Jan, sich über die Ankünfte von Familienmitgliedern, die länger fort gewesen waren, außergewöhnlich heftig zu freuen.
    Bei Ssihannas Angebot nickte sie eilig und hüpfte mit ihr hinaus in Richtung des Shuttles, das Onkel D'Ankwar und ihre Kusine nehmen würden. "Ich hoffe, du schläfst gut da und musst dich nicht so quetschen", richtete sie von Herzen an diese. "Als wir auf den großen Berg gestiegen sind, haben wir in einem Haus übernachtet, wo wir unter dem Dach geschlafen haben und wir waren bestimmt vierzig Leute in der Dachkammer. Da lag Schlafsack neben Schlafsack... es war echt grausig." Sie schüttelte sich unwillkürlich. Nein, sie hatte kein Auge zugetan in dieser Umgebung, hatte allerdings auch keine Vorstellung von den Bedingungen, die den Forclern antrainiert wurden und davon, dass es Ssihanna im Umkehrschluss wohl sehr wenig ausgemacht hätte, dort zu schlafen. "Aber die Aussicht war echt schön...", plapperte sie weiter, unterbrach sich dann jedoch und sah auf. "Oh, guck mal... da ist SoS!", rief sie und hob die Hand, um ihrer Mutter zuzuwinken.
    Iman'Dra kam den Weg von der anderen Seite aus hinauf. Offenbar war sie im Dorf gewesen, das um die Festung herum lag. Es kam öfter vor, dass es dort etwas für sie zu besprechen gab, da ihre direkten Pflichten sich nicht nur auf die Feste, sondern auch auf das Umland bezogen. Doch natürlich wusste auch sie, dass ihre Nichte heute um diese Zeit nach Japan abreisen würde und hatte somit unbedingt passend zurück sein wollen, um sich von ihr zu verabschieden. Mit einer gewissen Erleichterung hatte sie nach dem Vorfall mit dem Küchenmädchen dabei zugesehen, wie Ssihanna langsam wieder zum Leben erwacht war nach der eisigen Taubheit, die sie für Stunden umklammert hatte. Die plötzliche Umarmung, die sie und D'Ankwar von ihr bekommen hatten, als sie sich einige Stunden nach dem Ereignis wieder gerührt hatte, war einer der schönsten Augenblicke mit dem Mädchen gewesen, das sie seit ihrem vierten Lebensjahr hatte aufwachsen sehen. Und so war sie froh darüber, dass D'Ankwar ein Gedanke gekommen war, der Ssihanna helfen mochte, zu sich selbst zurück zu finden. Nichts war so wichtig wie das Wohlergehen der Familie und wenn der Einzelne fiel, würden die Übrigen ihn auffangen.
    Iman'Dra trat also zu der kleinen Gruppe hinzu. "Bruder... Schwester..." Sie nickte D'Ankwar und SoH zu und legte Dara'Jan, die zu ihr gewuselt kam, eine Hand aufs Haar. Dann sah sie zu Ssihanna. "Ich habe dir etwas machen lassen, Nichte... zum Abschied. Damit Tron'Jenar bei dir ist, wohin du auch gehen magst." Mit diesen Worten trat sie näher an sie heran und zog einen aus glänzendem, starkem und edel wirkendem Leder gefertigten Waffengurt hervor. Doch dieser war nicht nur zum Umschnallen um die Hüften gedacht, sondern war so breit, dass er ihre Taille umfassen und abschirmen würde und so gearbeitet, dass sie ein weiteres Band über die Schulter hinweg um ihren Rücken legen konnte, so sie es wollte. Es war jedoch auch möglich, dieses abzunehmen, wenn es nicht benötigt wurde. An den Hüften waren zwei Schwerthaltungen für Langschwerter eingefasst, ebenso eine am Rücken und auf der breiten Front um ihre Taille gab es vier kleinere Fächer für Dolche, sodass sie mit dem Gurt problemlos sieben Stichwaffen auf einmal würde tragen können. Säuberlich eingraviert prangte das Wappen Tron'Jenars in seinem Zentrum und schmückte ihn.
    Iman'Dra lächelte ihr zu. "Da du bald zwei Langschwerter trägst, wenn du wirst, was du werden willst in diesem Land, solltest du auch entsprechend ausgerüstet sein, um sie zu tragen... Prinzessin von Tron'Jenar!" Mit diesem triumphierenden Ausruf überreichte sie ihr das Geschenk und Stolz für die junge Kriegerin stand dabei in ihren dunklen Augen.

    "Tante SoH, Ssihanna darf nicht weggehen ohne sich zu verabschieden!", rief Dara'Jan zum wiederholten Male aus und trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Sie war ihrer Tante wie ein kleiner, beständiger Schatten gefolgt, bereits den ganzen Tag über, wie sie es eben meistens zu tun pflegte, wenn SoHra'jan zu Hause war. Dabei hatte sie entsprechend auf ganz anderem Wege als Khi'LeisaH mitbekommen, dass Ssihanna vorhatte, sie bald zu verlassen und nach Japan zu gehen und seitdem sie es wusste, verfolgte sie die für sie ausgesprochen traurige Vorstellung, dass ihre große Kusine abreisen könnte ohne ihr Auf Wiedersehen zu sagen.
    Und so war sie mit Tante SoH und Onkel D'Ankwar in die Große Halle geschlichen, wo die beiden auf Ssihanna warteten. Bisher hatten sie sie gewähren lassen und es schien Dara'Jan so, als hätten sie nichts dagegen, wenn sie hier gemeinsam mit ihnen wartete. Vertrauensvoll griff sie nach Tante SoHs Hand. "Ich glaube, Ssihanna war richtig traurig in der letzten Zeit, während sie hier war", erzählt sie ihr leise. "Wir haben sie gar nicht viel gesehen..." Und dann war noch die Sache mit Kali passiert, ihrem Küchenmädchen. Dara'Jan hatte sie gekannt und auch gemocht, aber sie war sich sicher, dass Ssihanna einen wichtigen Grund gehabt haben musste um zu tun, was sie getan hatte. Allerdings fragte sie ihre Tante nun nicht danach, denn sie wusste, dass auch sie immer noch traurig war wegen Onkel Ravsai und wollte sie mit so dummen Themen nicht noch trauriger machen. Vielleicht war es schon nicht so geschickt gewesen von Ssihannas schlechter Zeit zu ihr zu sprechen.
    Noch bevor SoH allerdings antworten konnte, sah Dara'Jan ihre große Kusine mit gepackter Tasche in die Halle kommen und prompt löste sie sich von der Hand ihrer geliebten Tante und lief auf Ssihanna zu, verzichtete jedoch darauf sie anzuspringen um auf den Arm genommen zu werden, weil sie dafür allmählich doch zu groß wurde. Stattdessen schlang sie ihre schmalen Arme fest um Ssihannas Taille und schmiegte sich an sie. "Ich will nicht, dass du weggehst, Ssi...", stieß sie hervor, bereute es aber gleich wieder. Sie wollte ihr doch kein schlechtes Gewissen machen. "Ich meine... wenn du weggehen musst, dann ist es natürlich okay. Aber ich werd dich bestimmt vermissen!", beteuerte sie auf jene treuherzige Art und Weise, die ihrem Wesen ganz besonders zu eigen war. Nun erst löste sie sich zumindest soweit, dass sie hoch und Ssihanna in die Augen sehen konnte. "Kommst du denn bald wieder? Oder überhaupt? Du musst mir versprechen, dass du wieder nach Tron'Jenar kommst und nicht in Japan bleibst!" Warum auch immer alle die ganze Zeit dorthin wollten. Onkel D'Ankwar war gerne dort, Khi'LeisaH wollte schon seit Jahren hinziehen und selbst ihr Vater hatte wohl ganz früher einmal in Japan gewohnt. Das hatte ihr ihre Mutter erzählt. Und jetzt würde auch noch Ssihanna hingehen. Sie selbst war nur einmal für eine Weile dort gewesen und sie hatten sicherlich interessante Dinge in diesem Land, aber leben wollen würde sie dort ganz sicher nicht. Dies schoss ihr nur für eine Sekunde durch den Kopf, während sie ihrer Kusine einen flehentlichen Blick zuwarf und auf ihre Antwort wartete.

    Dara'Jan nickte, als er ihr sagte, dass er sich noch vorbereiten musste. "Ist gut, Mr. Jilko. Man zieht sich ja auch immer was besonders Schönes an für so einen Abend", gab sie ihre Weisheit kund. "Aber die Erde ist gar nicht so weit weg, nur einen Tag. Bestimmt können Sie irgendwann Urlaub nehmen und Ihre Familie besuchen. Und wenn Sie das tun, dann wünsche ich Ihnen ganz viel Spaß", lächelte sie und dieses Lächeln strahlte in ihren Augen wieder. Sie hatte ein außergewöhnlich charmantes Lächeln für ein Kind ihres Alters.
    Schon im Weggehen hörte sie, wie er ihr nach rief. Sie blieb noch einmal stehen und drehte sich um. "Tante Angel und Onkel D'Ankwar? Wie schön! Dann müssen Sie uns mal besuchen kommen, Mr. Jilko! Da freu ich mich drauf! Bis bald!" Sie winkte ihm noch einmal und lief dann eilig weiter in Richtung Transporterraum. Es wurde wirklich Zeit, nach Hause zu kommen. Vielleicht würde Khi sie abholen und außerdem musste sie sich noch irgendwie ungesehen in ihr Zimmer schleichen und sich umziehen, denn die Flecken, die das Gebäck auf ihren Kleidern hinterlassen hatten, sahen wegen der Beerensauce ein wenig so aus, als habe sie sich mit jemandem geprügelt und jetzt Blut über sich verteilt. Obwohl - vielleicht würde das ein paar Leuten im Haus auch ganz gut gefallen.

    Dara'Jan lächelte ihm zu. "Lu, ich hab ganz schön viel Glück gehabt, weil meine SoS nämlich nicht die richtige Schwester von Onkel D'Ankwar ist. Er hat sie angenommen durch das Ruustai und jetzt ist sie adoptiert. Aber das ist schon lange her, schon richtig lange, da war ich noch nicht geboren. Und nur, weil Onkel D'Ankwar das gemacht hat, hab ich jetzt eine so große Familie und heiße Tron'Jenar", plauderte sie weiter. Es war offensichtlich, dass sie gerne von ihrer Familie erzählte, ihre Wangen wurden ganz rot vor Aufregung dabei.
    Sie hielt weiter seine Hände in ihren kleinen, einfach weil sie das Gefühl hatte, dass es ihm vielleicht gut tat, wenn er traurig war. Ihr erster Impuls wäre eine Umarmung gewesen, doch dafür kannte sie ihn dann doch zu wenig.
    "Und wo wohnt Ihre Familie, Mr. Jilko? Können Sie sie denn nicht besuchen, wenn Sie traurig sind? Die trösten Sie dann bestimmt, dafür sind Familien doch da", meinte sie im Brustton der Überzeugung, wobei sie völlig ignorierte, dass er ihr vorhin seinen Nachnamen genannt hatte und sie diese seltsame Kombination aus förmlicher Anrede und Vorname nicht mehr verwenden müsste. Doch sie hatte sich bereits irgendwie daran gewöhnt und dachte nicht darüber nach. Währenddessen sah sie auf das Chronometer und stellte fest, dass es bereits auf 1800 Bordzeit zuging und sie sich bald zum TR begeben musste, wenn sie nicht zu spät nach Hause kommen und sich damit Ärger mit ihrer Mutter einhandeln wollte. "Sagen Sie's mir besser schnell, Mr. Jilko, ich muss nämlich gleich nach Hause", ließ sie ihn wissen und ihre Stimme klang nun ein wenig eiliger.

    Dara'Jan lauschte seiner Antwort und ihr Blick wurde traurig, als er von den Angehörigen erzählte, die er verloren hatte und davon, dass es ihm in der Sternenflotte nicht so gut ging, wie er es sich erhofft hatte. Spontan streckte sie die Arme aus und ergriff seine Hände mit den ihren. Und obwohl sie sehr viel kleiner waren als die seinen, war ihr Händedruck doch erstaunlich fest für ein Kind. "Das tut mir wirklich leid, Mr. Jilko. Dass Sie traurig sind, meine ich. Ich weiß, wie schlimm das ist, wenn man so traurig ist, weil jemand nicht mehr da ist, den man lieb gehabt hat..." Unweigerlich dachte sie an ihre Mutter und daran, wie schwer manche Tage für sie immer gewesen waren. Bis heute.
    Tränen traten ihr in die blauen Augen und sie schluckte, um zu verhindern, dass sie jetzt wirklich zu weinen begann. "Aber ich weiß auch, dass es das Beste ist, wenn man dann ganz viele Leute um sich herum hat, die man auch lieb hat!", fügte sie aus Überzeugung hinzu. "Ich hab nämlich eine große Familie und wenn einer von uns traurig ist, dann können wir uns alle zusammen tun und ihn aufheitern. Wenn ich traurig war, dann war immer Khi da - das ist nämlich meine Kusine und meine beste Freundin - und hat mich abgelenkt und wenn ich was besprechen musste, dann konnte ich auch zu ihr gehen oder, wenn es was so Wichtiges war, dass man es mit Erwachsenen besprechen muss, dann hab ich meine SoS und zwei Onkel, Onkel D'Ankwar und Onkel Mogh'Tar und zwei Tanten, Tante Angel und Tante SoH." Ihre Augen leuchteten nun auf, die Tränen verflüchtigten sich. "Tante SoH ist die allerbeste Tante im ganzen Universum, Mr. Jilko, wissen Sie das? Sie ist lustig und stark und klug und richtig, richtig schön und sie ist der jo'Aj der klingonischen Flotte!" Sie hibbelte ein wenig auf und ab, aufgeregt vor lauter Stolz, während sie von ihrer geliebten Tante erzählte. "Und dann hab ich noch zwei Cousins, Corum und Arju'Tai und zwei Kusinen, Khi'LeisaH und Ssihanna. Und wenn du so eine große und tolle Familie hast, dann ist es gar nicht so schlimm, manchmal traurig zu sein, weil man dann immer jemanden kennt, der einen tröstet. Denken Sie nicht auch, Mr. Jilko? Haben Sie auch eine große Familie?"

    "Ich heiße Dara'Jan", antwortete sie, als er sie nach ihrem Namen fragte. "Dara'Jan von Tron'Jenar", fügte sie hinzu. "Ich komme aus dem klingonischen Haus, das auf Auriga liegt. Meine SoS ist die Herrin der Feste und mein Onkel der Epetai", erklärte sie nicht ganz ohne Stolz. Man hatte sie durchaus gelehrt, stolz auf ihre Herkunft zu sein.
    Als er vor ihr in die Hocke ging, lächelte sie ein wenig unsicher und legte den Kopf ein bisschen schief, sodass ihr langes, dunkles Haar ihr über die Schulter fiel. Ein paar Strähnen landeten dabei in ihrem Gesicht und sie schob sie mit der Hand zurück hinter die Ohren.
    "Nicht einfach? Es sagen immer alle Sternenflottenleute, die ich kenne, dass es eine tolle Aufgabe ist und sie so froh sind, dass sie zur Sternenflotte gegangen sind." Zugegebenermaßen kannte sie ziemlich wenige Sternenflottenoffiziere persönlich oder näher. Die, die Zuhause zu Besuch kamen waren immer Freunde von Onkel D'Ankwar und Tante Angel und sie war selten dabei gewesen. Ihre Mutter kannte niemanden von der Sternenflotte und hatte wohl auch nicht wirklich vor, das zu ändern. "Sind Sie denn nicht froh, dass Sie zur Sternenflotte gegangen sind, Mr. Jilko?", forschte sie nach. Denn Dara'Jan wusste, wenn man sich von etwas ablenken musste, dann war das für gewöhnlich eine sehr unschöne Angelegenheit, die einem Angst oder Sorgen bereitete oder einen traurig stimmte.

    Dara'Jan sah ihn verwundert an, als er fragte, woher sie davon wusste. "Naja, ich kann doch lesen, Mr. Jilko. Es steht doch auf dem Zettel drauf, den sie da in der Hand haben. Und da hinten an der Wand hängt auch so ein Zettel", informierte sie ihn und deutete mit einer Hand darauf, um ihm die Stelle zu zeigen.
    Bei seiner Frage schüttelte sie den Kopf. "Ich glaube nicht, dass ich hingehen darf. Das ist ja eine Veranstaltung für Erwachsene spät abends. Meine SoS würde mich bestimmt nicht gehen lassen, wenn niemand mitgeht. Und ich glaube nicht, dass sie viel Lust dazu hätte. Reinkommen würde ich bestimmt auch nicht, weil es in einer Bar stattfindet und für Bars bin ich noch nicht alt genug, genau wie für das Kasino dahinten bei TsH'achla um die Ecke. Deswegen kann ich wohl nicht dabei sein. Aber es wird bestimmt lustig. Mina ist immer lustig. Eine meiner liebsten und besten Freundinnen wohnt bei Mina, deswegen kenne ich sie ein bisschen. Gehen Sie denn zum Musikabend hin?" erkundigte sie sich in einer Mischung aus Neugier und Höflichkeit.

    Dara'Jan ließ sich aufhelfen, sah ihn aber ein wenig verwundert an, als er das Tuch herauszog und damit auf ihren Kleidern herumzuwischen begann. Kurz wich sie einen Schritt zurück, denn immerhin kannte sie den Mann nicht. Aber sie lächelte ihn dennoch freundlich an. "Tut mir leid, Mr... Jilko, aber ich darf Erwachsene nicht einfach duzen", antwortete sie sehr gewissenhaft und ihrem Gesichtsausdruck konnte man den Ernst dieser Aussage ansehen. Ihre Mutter würde es gar nicht witzig finden, wenn sie einfach jemanden so vertraut ansprechen würde, den sie zuvor noch nie gesehen hatte.
    Als er ihr das PADD entgegenhielt, nahm sie es ihm ab. "Lu, das gehört mir. Vielen Dank, Mr. Jilko", sagte sie erneut höflich. Er sah freundlich aus, aber die meisten Sternenflottenoffiziere waren sehr freundlich. Ihre Mutter sagte immer, dass sie sie deswegen nicht wirklich ernst nehmen konnte.
    Erst bei genauerem Hinsehen entdeckte sie das Plakat, dass er in der Hand hielt. So eins hing auch an der nächsten Wand und sie warf einen Blick darauf, was sie leise auflachen ließ. "Oh, Mina macht doch einen Musikabend!", entfuhr es ihr fröhlich. Sie hatte Mina schon länger darüber sprechen hören, aber ob und wann er letztendlich stattfinden sollte, hatte sie bisher noch nicht erfahren. Dann sah sie hastig wieder zurück zu dem Offizier, der noch immer vor ihr stand.

    Dara'Jan verließ ihr Klassenzimmer und klemmte sich das PADD unter den Arm, auf dem sie ihre heutigen Unterrichtsnotizen verewigt hatte. Müde streckte sie sich einmal durch, bevor sie sich auf den Weg machte, um ebenso den Trakt, in dem ihre Religionsstunde immer stattfand, zu verlassen. Sie hatte in der letzten Nacht nicht gut geschlafen, nur ein wenig im Halbschlaf gedöst und ziemlich wirr und lebhaft geträumt. Schon beim Frühstück heute Morgen war sie reichlich zerzaust gewesen und sie war doch recht froh, den Unterricht für heute hinter sich zu haben. Der machte ihr zwar für gewöhnlich Spaß, aber heute wäre sie lieber zu Hause geblieben. Besonders, weil sie vor einer Weile einen neuen Mitschüler bekommen hatte, Caleb Melvin, der sie aus irgendeinem Grund unfreundlich behandelte. Sie verstand es nicht recht, hatte aber bisher nichts dazu gesagt - weder zu ihm selbst noch zu ihrem Lehrer oder zu irgendjemandem zu Hause. Vielleicht ging es ihm nur nicht gut. Sie würde noch abwarten und eben weiter nett zu ihm sein. Dann würde er zu ihr hoffentlich auch freundlicher werden.
    Als sie auf das Promenadendeck kam, belebten sich ihre Züge jedoch. Hier gab es immer so viel zu sehen, so viele Leute, so viele Läden und es gab so viele Sprachen und verschiedene Musik zu hören, so viele verschiedene Köstlichkeiten zu probieren. Ihre SoS ließ sie nach dem Unterricht immer bis zum Abendessen auf der Station bleiben, wenn sie es wollte und selbst heute, obwohl sie so müde war, konnte sie kaum widerstehen, sich ein wenig auf das Treiben hier einzulassen. Und so lief sie hastig zu dem kleinen klingonischen Restaurant, das um die Ecke vom großen Kasino lag, das Dara'Jan allerdings noch nie betreten hatte - sie durfte nicht, sie war noch zu jung.
    Aber die Restaurantbesitzerin TsH'Achla, die mit ihrer Familie auch auf den Ländereien von Tron'Jenar wohnte und zum Arbeiten hier auf die Station kam, kannte sie gut. Also lief sie in den Laden hinein und steckte ihren Kopf durch die Küchentür. "Qapla, TsH'Achla!", rief sie der schon grauen Klingonendame zu, die ihr eifrig zuwinkte. "Ah, Prinzessin, wieder hier gewesen zum Unterricht? Müde siehst du aus!" "Bin ich auch", erwiderte Dara'Jan. "Heute Abend schaff ich es bestimmt nicht mehr bis zum Blutwein." TsH'Achla hob die Brauen. "Blutwein geben sie dir schon, hmm? Man kann nie früh genug anfangen! QAPLA!" Dara'Jan kicherte, weil sie sie gerade so an Onkel Mogh'Tar erinnerte. "Ghobe... nicht für mich. Aber wir bleiben beim Abendessen eigentlich immer alle sitzen, bis es für alle Erwachsenen Blutwein nach dem Essen gibt und dann geh ich mit Khi nach oben", erklärte sie. "Hrm...", brummte ihre kochende Freundin. "Verstehe. Ist denn noch genug Zeit bis zum Essen, damit du dir noch eine kleine Leckerei gönnen kannst?", forschte sie nach und schmunzelte. "Will ja keinen Ärger mit deinem Onkel. Oder deiner Mutter." "Den will niemand", erwiderte Dara'Jan beherzt und grinste. Immerhin wollte sich niemand mit der Führungsriege des Hauses Tron'Jenar anlegen. "Aber... lu, es ist noch Zeit genug!" Sie schob sich ganz in die Küche hinein, hüpfte näher heran und nahm strahlend ein süßes klingonisches Gebäck entgegen, das TsH'Achla noch warm aus dem Ofen zog und ihr, sorgfältig mit ein paar Tüchern umwickelt, in die Hand drückte. "Na dann... lass es dir schmecken, schlaf dich gut aus und komm wieder vorbei, Prinzessin! Und jetzt muss ich arbeiten! Ab mit dir!" Dara'Jan kicherte, ließ sich von ihrer Grießgrämigkeit nicht abschrecken und drückte die alte Frau kurz. "Danke, TsH'Achla!", rief sie, dann lief sie aus dem Restaurant wieder hinaus. Auf der Promenade wurde sie langsamer und pustete auf ihr Gebäck, damit es kühler wurde, bevor sie vorsichtig hinein biss.
    Sofort füllte der Geschmack von warmem Honig, gerösteten Nüssen und reifen Beeren ihren Mund und sie musste hastig den Teil der Füllung mit den Lippen auffangen, der ihr bereits jetzt entkommen wollte. Es war köstlich, aber auch schwierig zu essen. Und da sie damit beschäftigt war und so gar nicht auf ihre Umgebung achtete, merkte sie erst, dass jemand direkt auf sie zukam, als sie den Aufprall spürte, der sie prompt von den Füßen riss. Sie verlor das Gleichgewicht, prallte auf den Boden und ihr schönes Gebäck samt Füllung landete auf ihren Kleidern.
    "Oh Verzeihung, ich wollte dich nicht umrennen. Hast du dir weh getan?"
    Dara'Jan sah auf und einem jungen Mann in Sternenflottenuniform ins Gesicht, der ihr die Hand hinstreckte, um ihr aufzuhelfen. Sie schluckte und klaubte umständlich den Großteil ihres Naschwerks von sich herunter, wickelte es in die Tücher, so gut es noch ging und nahm erst dann die Hand mit der ihren, die zugegebenermaßen gerade ein wenig klebrig war, um wieder auf die Beine zu kommen. "Nein... aber mein Qo'npAgh hat sich weh getan, glaube ich", antwortete sie mit einem etwas traurigen Lächeln und hielt ihr kaputtes Gebäck hoch, damit er wusste, wovon sie sprach. "Es tut mir leid, wenn ich im Weg war, Sir", fügte sie höflich hinzu. Immerhin war er ein Offizier und ein Erwachsener und sie war nicht zu Hause, sondern auf der Raumstation.

    Dara'Jan griente, als Tante SoH gegen das Terminal stupste und zog die Nase kraus, als wisse sie genau, wohin sie gezielt hatte. "Das ist aber schön, dass du als erstes mit mir telefonierst, wenn du Heimweh bekommst", beteuerte sie treuherzig, wobei sie den Fakt ignorierte, dass Ssihanna die wahrscheinlichere Person war, die als Erste einen Anruf von SoH erhalten würde.
    Trotzdem dachte sie gerade jetzt an ihre Kusine. "Lu! Tante SoH, wenn du zu Hause bist, können wir dann Ssihanna einladen, damit sie was mit uns macht? Und kannst du nicht Corum mitbringen? Die beiden sind immer soooo viel auf der Arbeit und wir sehen sie gar nicht mehr. Ich vermisse sie!", rief sie von Herzen. "Und vielleicht können sie ja auch bei der Zeremonie dabei sein, dann wäre es eine richtige Familienveranstaltung und wir könnten danach in der Großen Halle feiern und alle meine und Adinas Lieblingsgerichte kochen!", spann sie das Szenario zufrieden weiter. Ein Grummeln in ihrem Magen, das durch den Gedanken an Essen angeregt wurde, ließ sie an sich hinab sehen. "Aber jetzt muss ich los, glaube ich. Es gibt bald Abendessen und ich muss doch noch mit Khi reden. Aber sag mir noch schnell deine Antwort!", drängte sie und wippte ein wenig auf den Zehenspitzen, um ihre Ungeduld Ausdruck zu verleihen.

    Dara'Jan beugte sich leicht vor, als ihre Tante zu sprechen begann, um auch ja kein Wort von dem zu verpassen, was sie ihr zu sagen hatte. Sie wirkte mächtig erleichtert, als diese ihr versicherte, dass Khi'LeisaH sicher nicht böse sein würde. Und bei der Ankündigung, dass sie bald nach Hause kommen würde, strahlte sie auf. "Oh ja, Tante SoH, es ist so schön, wenn du nach Hause kommst! Danke, dass du denkst, dass Khi nicht böse sein wird und dass du herkommst und bei der Zeremonie dabei bist! Ich weiß, dass sie was ganz besonders ist. Und ich will unbedingt mit dir in die Räuberhöhle... weißt du, dass wir sie repariert haben? Khi und ich haben neulich drin übernachtet und dann haben wir am nächsten Tag vergessen, sie abzubauen und wegzuräumen und dann kam nachts ein Gewitter und das Zelt ist kaputt gegangen. Khi und ich haben uns dann vor das Terminal gesetzt und uns vom Computer erklären lassen, wie man näht, damit wir das Tuch wieder zusammennähen konnten und die Holzstäbe, die gebrochen sind, haben wir auch ersetzt. Sie ist jetzt wieder wie neu!"
    Sie ließ sich wieder ein bisschen zurücksinken, stützte die Ellbogen auf den Tisch und den Kopf auf ihre Hände. "Sag mal, Tante SoH... hast du eigentlich nie Heimweh, wenn du so lange im All sein musst?"

    "Hat da jemand Sehnsucht nach mir? Oder ist irgendwas passiert?"
    Dara'Jan strahlte auf, als das Gesicht ihrer Tante sich tatsächlich gleich auf dem Terminal zeigte. Ein Adrenalinstoß rauschte durch ihr Blut, weil sie sich so sehr freute und gar nicht damit gerechnet hatte, dass sie sie so schnell und leicht zu fassen kriegen würde. Immerhin war es noch nicht ihre übliche Terminalzeit.
    "Tante SoH!", jubelte sie auf, drückte einen Kuss auf ihre Hand und legte die dann ans Terminal. Ihre Augen leuchteten und ihre Wangen waren ganz gerötet vor Freude und Aufregung. "Tante SoH, es ist so viel passiert! Ich muss dir ganz viel erzählen und du musst mir helfen, bitte! Ich kann es nämlich sonst mit niemandem besprechen, weißt du..." Ihre Stimme wurde leiser und wieder nagte sie auf ihrer Unterlippe herum.
    "Weißt du, oben auf der Station, da wohnt ein Mädchen, das ich echt gern hab. Sie ist eine Fhoi Myore, eine von denen, die auf Da'Dana'Han wohnen... das ist ein Planet von denen, die es in dem System gibt, wo SoS und ich neulich mal Urlaub gemacht haben. L'Lal'Loria", erzählte sie. "Aber das weißt du bestimmt." Ihre Tante SoH wusste schließlich alles, sie war ja immer im All unterwegs und kannte ganz sicher alle Sternensysteme längst auswendig.
    "Da hat es mir gut gefallen. Und das Mädchen, das auf der Station wohnt - Adina heißt sie - und ich, wir haben uns schon vorher angefreundet. Und jetzt..." Die Aufregung kam zurück und sie hibbelte auf ihrem Stuhl herum. "Jetzt will sie meine Waffenschwester werden! Eine richtige Waffenschwester! Obwohl ich erst zehn bin! Ich hab Onkel D'Ankwar und SoS gefragt und es war richtig offiziell und sehr aufregend, weil ich nicht wusste, ob ich darf. Onkel D'Ankwar hat gesagt: 'Welchen Wunsch trägst du an die Herrin der Feste heran?'", sprudelte sie hervor und sie verstellte ihre Stimme, sodass sie dunkel klang, während sie ihren Onkel imitierte. "Ich hab noch nie vor SoS als 'Herrin des Feste' gestanden und um was bitten müssen! Und sie hat erklärt, dass eine Waffenbruderschaft mit ganz viel Ehre und Verantwortung zu tun hat und dass das eigentlich erst die machen, die die Kriegerweihe hinter sich haben, aber sie hat auch gesagt, dass ich es selber entscheiden muss. Und da hab ich mich dafür entschieden und jetzt findet bald die Zeremonie statt und SoS und Onkel D'Ankwar und Peredur sollen als Zeugen da sein." Da fiel ihr etwas ein. "Kannst du nicht auch dabei sein? Bitte, bitte, Tante SoH! Es wäre so schön, wenn du dabei wärst!"
    Doch sie wartete die Antwort gar nicht erst ab. Sie war so voller Adrenalin, dass sie einfach immer weiter redete. "Aber weißt du, jetzt hab ich ein bisschen Angst. Ich hab Angst, dass Khi'LeisaH vielleicht böse sein wird, weil sie denkt, dass ich Adina lieber mag als sie, wenn sie meine Waffenschwester wird. Aber das stimmmt überhaupt nicht, Tante SoH!, beteuerte sie eifrig. "Ich hab Khi furchtbar lieb, sie ist sowieso schon wie meine richtige Schwester, gar nicht nur wie meine Kusine! Aber was soll ich denn machen, wenn sie traurig wird oder böse und nicht mehr mit mir reden und spielen will? Ich musste dich erst fragen, ich hab sie heute nicht von der Station abgeholt, weil ich so nervös war. Und SoS und Onkel D'Ankwar haben doch gesagt, dass das alles so eine furchtbar erwachsene Angelegenheit ist. Da kann ich doch jetzt nicht mit sowas kommen..." Nun endlich schwieg sie erst und ließ ihre Tante zu Wort kommen.